"Hey, abgesehen von unserem Glauben unterscheiden wir uns eigentlich gar nicht so viel!"

Interview mit Ma'ayan und Tirzah – Jugendliche des Projekts „LIKRAT – Jugend und Dialog“

Ma'ayan und Tirzah sind jung, jüdisch und sogenannte „Likratinos“. Das bedeutet, sie engagieren sich bei „LIKRAT – Jugend und Dialog“, einem Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden in Deutschland und gehen in Schulklassen, um Schüler/-innen durch Gespräche einen persönlichen Zugang zum Thema Judentum zu vermitteln und damit antisemitischen Vorurteilen etwas zu entgegnen. Im Interview erzählen sie von ihrer Motivation.

Was bedeutet „Likrat“?

Ma'ayan: Das hebräische Wort „Likrat“ bedeutet so viel wie “aufeinander zugehen“. Mit unserem Projekt möchten wir genau das – auf unsere Mitmenschen zugehen und einen interkulturellen Dialog starten.

Was steckt hinter dem Projekt? Was sind die Ziele?

Tirzah: In Form von Gesprächen, insbesondere mit Schüler/-innen, versuchen wir stereotypen Wahrnehmungen oder Vorurteilen entgegenzuwirken und klarzumachen, hey, abgesehen von unserem Glauben unterscheiden wir uns eigentlich gar nicht so viel.

Ma'ayan: Wir möchten Menschen das Judentum und die Menschen dahinter näher bringen. Wir hoffen dem (wieder ansteigenden) Antisemitismus in Deutschland durch diese Begegnungen etwas entgegnen zu können. Die meisten Kinder haben vermutlich noch nie einen Juden oder eine Jüdin in ihrem Leben kennen gelernt und es ist einfacher das Unbekannte anzufeinden.
LIKRATino in einer Klasse (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.Ö.R.)LIKRATino in einer Klasse (Foto: Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.Ö.R.)

Was waren Eure persönlichen Beweggründe LIKRATino/a zu werden?

Tirzah: Das erste Mal habe ich in meiner Schule von Likrat gehört und war von der Kernidee sofort begeistert. Ich bewege mich sowohl in jüdischen als auch in nichtjüdischen Kreisen und merke immer wieder, wie erstaunlich wenig manche Leute über das heutige Judentum wissen, obwohl immerhin über 100.000 Juden in Deutschland wohnen. Ich glaube fest daran, dass durch persönlichen Kontakt Hass und Vorurteile vermindert werden können.

Ma'ayan: Anfeindungen, Vorbehalte oder Skepsis gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen auf Grund von Faktoren, welche sie zum einen nicht beeinflussen können und die zum anderen, niemanden schaden, stimmen mich sehr traurig. Aktiv etwas gegen Antisemitismus tun zu können, stimmt mich wiederum glücklich. Den Ansatz von Likrat, in Klassen zu gehen und offen mit Schüler/-innen zu reden, finde auch ich genau richtig. Bisher habe ich selbst noch nicht an einer Begegnung teilgenommen, aber ich kann mir vorstellen, dass die Interaktion mit anderen Schüler/-innen jeder Altersgruppe sehr viel Spaß machen wird, wenngleich es natürlich auch eine Herausforderung ist. Nebenbei lernen wir viele tolle Skills, die uns in Zukunft sicherlich noch viel weiterbringen werden.

Wie wird man LIKRATino/a?

Tirzah: Es gibt eine vierteilige Likratausbildung, die an verschiedenen Wochenenden im Jahr stattfindet. Während dieser Ausbildung lernen jüdische Jugendliche zwischen 15 und 19 nicht nur wichtige Aspekte über das Judentum oder Israel kennen, sondern werden ebenfalls in den Bereichen Rhetorik oder Gesprächsführung geschult. So können wir je nach Situation besser auf unser Gegenüber eingehen oder mögliche Konfliktsituationen verhindern. Mir persönlich hat das Training viel mitgegeben.

Ma'ayan: Dafür muss man sich beim Zentralrat der Juden bewerben. Auf der Likrat-Website findet sich das entsprechende Formular. Zu persönlichen Angaben muss noch ein circa einminütiges Video geschickt werden, in dem man seine Motivation bei Likrat mitzumachen, erklärt.

Auf Anfragen von Schulen kommen zwei „Likratinos“ in die Schulklassen. Welche Fragen bekommt Ihr dort häufig gestellt?

Tirzah: Die Fragen variieren sehr, abhängig vom Wissensstand und Interesse der Schüler/-innen. Einige Klassen hatten das Judentum zuvor im Unterricht behandelt. Trotzdem gibt es Fragen, die häufiger aufkommen: "Habt ihr bestimmte Essensregeln? Ich hab da mal was von koscher gehört“ oder „Haltet ihr euch an die Regeln?". In dem Fall ist es nicht nur wichtig genaueres über die sogenannten "Kashrutgesetze" zu vermitteln, sondern auch von unseren eigenen Erfahrungen zu berichten. Ich persönlich halte die Gesetze ein, allerdings gibt es unzählige Leute, die das nicht tun oder sich nur an bestimmte halten, wie an die Trennung von Milch und Fleisch. Es sollte nie pauschalisiert werden, da es zahlreiche verschiedene Strömungen innerhalb des Judentums gibt.

Ma'ayan: Mir wurde erzählt, dass Fragen über bestimmte „Mitzvot“, also religiöse Vorschriften, und persönliche Fragen dazu, wie wir unsere Religion finden, häufig gestellt werden. Natürlich kommt es auch auf die Klasse und den/die Likratino/a an, welche Themenschwerpunkte gesetzt werden. Ich bin auf jeden Fall gespannt zu erfahren, was die Schüler/-innen besonders interessiert.

Was liegt Euch besonders am Herzen, den anderen Jugendlichen mitzuteilen und warum?

Ma'ayan: Mir liegt es am Herzen, den Jugendlichen zu verstehen zu geben, dass Jude sein mehr bedeutet als Holocaust und Ausgrenzung. Wir verfügen über eine alte, reiche, vielfältige Kultur und Bräuche, gleichzeitig unterscheiden wir uns nicht so sehr von unseren Mitmenschen, die nicht jüdisch sind. Ich würde mir wünschen, durch das Projekt eine gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz füreinander zu gewinnen, die ein buntes Zusammenleben verschiedener Kulturen, Religionen und Ethnien möglich machen.

Tirzah: Ohne Zweifel ist der Holocaust ein unglaublich wichtiger Teil der jüdischen Geschichte, allerdings wird sehr oft vergessen, dass sich zurzeit wieder ein lebendiges Judentum in Europa entwickelt. Genau dieses lebendige Judentum würde ich gerne in meinen Likratbegegnungen vermitteln.


 

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