Interview mit Bettina Frank

Für das Theaterspielen interessierte sich Bettina Frank eigentlich schon immer. Nach einem Auslandsaufenthalt in Irland stellt sie fest, dass ihre Leidenschaft aber nicht nur der Bühne gehörte, sondern sich auch darum drehte, Menschen Theater in all seinen Facetten näher- und beizubringen. Heute ist sie freischaffende Dipl.-Theaterpädagogin und lebt in Berlin. Sie engagiert sich in vielen verschiedenen Projekten für Jugendliche, um Themen wie Politik und Geschichte auf spielerische Art und Weise verständlicher und nachvollziehbarer zu machen. Als Initiatorin der Firma HeldenfabrikBerlin wird sie auch mit einem Workshop auf dem Jugendkongress 2017 vertreten sein. Lesen Sie im Interview, warum insbesondere Theaterspielen neue Wege der Vermittlung aufzeigen kann.

Frau Frank, Sie werden auf dem BfDT-Jugendkongress 2017 einen Theaterworkshop leiten, der sich mit dem Holocaust befasst. Was sollen die Jugendlichen aus diesem Workshop mitnehmen?

Vor allem ein Staunen. Die meisten kommen skeptisch in den Workshop. Ich freue mich, wenn es gelingt, dass die Teilnehmenden am Ende einerseits darüber staunen, wie nah sie das Thema Holocaust an sich herangelassen haben – ein Thema, von dem viele das Gefühl haben, es tangiere uns heute eigentlich nicht mehr wirklich. Andererseits darüber, wie gut es ihnen gelungen ist, im Team mit unbekannten anderen Jugendlichen szenisch Ausdruck für dieses komplexe Thema gefunden zu haben.

Bettina Frank auf dem Jugendkongress 2016 als Leiterin des Workshops "Zukunft ist, war, wird gewesen sein" (Foto: BfDT)Bettina Frank auf dem Jugendkongress 2016 als Leiterin des Workshops "Zukunft ist, war, wird gewesen sein" (Foto: BfDT)

Theaterspielen und Holocaust? Ist Theater geeignet, Jugendlichen ein solch emotionales und komplexes Thema näher zu bringen? Wäre es nicht besser, die Finger davon zu lassen?

Eben nicht. Ich finde es ungemein wichtig, dass wir uns weiterhin mit diesem schrecklich relevanten Thema auseinandersetzen, gerade in Deutschland. Nur noch sehr wenige Zeitzeugen können heute ihre Erfahrungen weitergeben und so ist es an uns, neue Wege der Vermittlung zu finden. Dabei kann es meiner Meinung nach unmöglich um den Versuch des "Erlebbarmachens" gehen. Deshalb werden in meinen Workshops niemals Lebensmomente jüdischer Menschen im NS- Regime nachgespielt. Viel eher geht es darum, zu verstehen, in welchen Situationen sich die Menschen damals befanden und agieren mussten. Wenn das gelingt, ist viel gewonnen, finde ich. Die Teilnehmenden bewegen sich auf der Ebene ihres Alltagserlebens. Sie improvisieren und erfinden Szenen, analysieren das Gespielte und stellen Bezüge zu den Berichten von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen her. Auf diese Weise wird das scheinbar ferne Thema "Holocaust" sehr persönlich, ohne dass ein Vergleichen oder gar Gleichsetzen angestrebt wird.

In Ihrer Arbeit greifen Sie in der HeldenfabrikBerlin mit Hilfe des Theaterspielens immer wieder aktuelle Themen auf. Warum hat gerade Theaterspielen besonderes Potential, Jugendlichen aktuelle Themen näherzubringen?

Theater ist meiner Meinung nach ein gutes Mittel zur Beleuchtung ganz unterschiedlicher Themen, weil (schau)spielen eine körperliche Erfahrung ist. Um die physische Erfahrung greifbar zu machen, ist jedoch als Ergänzung eine analytische Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema durch Texte und Reflexionsgespräche wichtig. Die kognitive Ebene, das Wahrnehmen und Verstehen, wird von den Schüler/-innen auch in ihrem Alltag stark gefordert. Mit dem physischen Zugang kommen aber noch ganz andere Bewusstseinsebenen hinzu. Oft drücken die Schüler/-innen im Spiel Dinge aus, für die sie keine Worte finden, die mit dem szenischen Ausdruck auch Gegenstand der Reflexion werden.
Sich diesen Themen über das Einfühlen, damit meine ich Nachspielen anzunähern, erachte ich aber als ein großes Missverständnis. Wenn ich zu einem Workshop eingeladen werde in eine Klasse mit einem starken Mobbingproblem, dann ist es nicht sinnvoll, Mobbingtäter Opfer spielen zu lassen, um deren Gefühle nachvollziehbar zu machen. Ich untersuche mit dieser Klasse szenisch vielmehr das Geflecht heimlicher Gedanken in Alltagssituationen und das Entstehen von Aggressionen daraus. Theaterspielen kann Situationen nicht „erlebbar“ machen, aber Bezüge zu eigenen Positionen im Alltagserleben schaffen.

Wie sind Sie selbst zum Theaterspielen gekommen?

Gleich nach meinem allerersten Berufswunsch, Indianer, wollte ich ans Theater. Am Ende der Schulzeit kamen mir allerdings Zweifel, ob es mir nicht die Lust am Theater nähme, wenn ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen würde. Nach dem Abi wollte ich dann erstmal etwas Praktisches machen und habe in Irland mit Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet. Mit ihnen habe ich eine Theatergruppe initiiert und Theaterstücke inszeniert. Daraufhin bin ich nach Dublin gezogen und habe selbst auf der Bühne gestanden. Diese beiden Erfahrungen waren für mich entscheidend. Ich wusste, es musste unbedingt Theater sein, aber beides: Spielen und Anleiten.

Wie würden Sie junge Menschen dazu animieren, sich zu engagieren?


Ich glaube eine der größten Hemmschwellen sich zu engagieren ist nicht der mangelnde Mut, sondern das Gefühl, Großes bewegen zu müssen. Dieser Anspruch lähmt und ist eine phantastische Bremse, gar nicht erst anzufangen. Ich würde also sagen: „Trau dich und trau dir ruhig auch Großes zu, denn die, die das tun, sind auch nur Menschen. Aber scheu dich nicht, auch mit Kleinem, Alltäglichem, Naheliegendem zu beginnen.


 

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