„FRAGT UNS, - wir sind die Letzten“ - Zeitzeugen-Erinnerungsprojekt mit SHOA-Überlebenden

von Dr. Elke Preusser-Franke

Zeitzeugin Bromberg mit vier Jahren (Preusser-Franke)Zeitzeugin Bromberg mit vier Jahren (Preusser-Franke)
Bromberg mit ihren Eltern 1945 (Preusser-Franke)
Irina Bromberg heute (Preusser-Franke)
Besonders bekannt wurde unsere Ausstellung „FRAGT UNS, - wir sind die Letzten. Erinnerungen von Verfolgten und Menschen aus dem Widerstand“, als sie vom 21. Juni bis 21. August 2011 im Stadtmuseum Dresden gezeigt wurde. Um nach Ende der Sommerferien unseren Gymnasien und Schulen die Möglichkeit zu geben, unsere Interviews und die dahinter stehenden Schicksale der ältesten, in Dresden lebenden Holocaust-Überlebenden kennenzulernen, wurde die Ausstellung bis zum 04. September 2011 verlängert. Die Ausstellung bewegte nicht nur zahlreiche Besucher und Besucherinnen, sondern leistete auch einen Beitrag zum 50-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Dresden und St. Petersburg.

Die Interviews mit SHOA-Überlebenden im Rahmen jüdischer Zeitzeugenarbeit wenden sich als Projekt des Jüdischen FrauenVereins Dresden e.V. gegen alle Formen des rechten und linken Extremismus, gegen jede Form des Antisemitismus und sollen der Förderung von Integration, insbesondere unter aktiver Beteiligung von Migranten, dienen.

Es geht darin um die ältesten Mitglieder des Jüdischen FrauenVereins, die in der Sowjetunion den 2. Weltkrieg als Kinder und Jugendliche zwischen 1941 und 1945 miterleben mussten, und nun als Überlebende des Vernichtungsfeldzugs der deutschen Wehrmacht ihre Erlebnisse in Interviews auf Videos, Licht-Installationen, in Podiumsdiskussionen und als Live-Reportagen in der Ausstellung schildern. Das ist deshalb so wichtig, weil mit der geringer werdenden Zahl derer, die authentisch berichten können, auch unser Auftrag und unsere Verpflichtung zur Bewahrung jener Zeitdokumente steigt, die später nicht mehr auffindbar sind.

Die Erlebnisberichte zeugen vom Zusammenbruch menschlicher Werte, wie sie von Hitler-Deutschland als eine langfristig geplante und detailliert organisierte, systematische Zerstörung jüdischen Lebens nicht nur in Deutschland, sondern auch in den besetzen Gebieten erfolgte. Keine einzige jüdische Familie wurde verschont, und ging deshalb in die Evakuierung, wenn sie als Juden in den besetzten Gebieten der Ukraine, Russlands und Weißrusslands nicht den einmarschierenden Deutschen an der Westfront in die Hände fallen wollten, um als Zwangsarbeiter in die deutsche Rüstungsindustrie verschleppt zu werden, oder in Ghettos und Konzentrationslagern, zusammen mit sechs Millionen europäischer Juden, zu sterben.

Was aber Evakuierung bedeutete, beschreibt Irina Bromberg, wenn sie von der tagelangen, oft monatelangen Flucht in Viehwaggons immer weiter in Richtung Osten sagt:

"Es war nicht die Freiheit, wie in Stalins Propaganda später berichtet, sondern es bedeutete Hunger, Seuchen, Krankheiten, Verlust der Heimat, des gesamten Hab und Guts, das plötzliche Auseinandergerissen-Werden intakter Familien, die Bombardierungen auf Flüchtlingszüge, - für immer als Kindheitstraumatisierungen durch den täglichen Kampf ums Überleben bleibend - denn wir Flüchtlinge wurden im asiatischen Teil der Sowjetunion in Zeiten überall kriegsbedingter Lebensmittelknappheit durchaus nicht mit offenen Armen empfangen!

Ich war erst vier Jahre, aber diesen ,Abschied' vergesse ich nie, wie mein geliebter Vater, ein Militärarzt im Armeekrankenhaus der ukrainischen Stadt Zhitomir, uns in den letzten Evakuierungszug regelrecht hinein stieß und mit Tränen in den Augen zurückblieb.

Obgleich mich meine Mutter stets auf dem Arm trug, habe ich nur geschrieen, vor Angst zwischen so vielen fremden Leuten, der stickigen Luft und Enge. Es gab im Zug weder Wasser noch etwas zu Essen.

Unser Zug wurde bombardiert. Wir hörten die Explosionen auf andere Zuganhänger, dann die Schreie der Menschen, und ich sah, wie sich brennende Menschen aus Zugabteilen hinausschleppten...Unser Waggon war nicht getroffen, .... Der Zug hielt nach tagelanger Fahrt im Ural.

Nur die Kräftigsten stiegen aus, denn viele sind auf der Fahrt gestorben, einfach an Hunger und Durst und im eigenen Schmutz. Mein Glück war, dass ich eine Mutter Anfang 20 hatte, die einen Pullover voller eingenähten Goldschmucks trug...

Es war ein schreckliches Leben unter den Einwohnern im Ural. Meine Mutter hat immer wieder etwas von ihrem Schmuck an die Asiaten gegen ein kleines Stück Brot eingetauscht, so sind wir knapp dem Tod entronnen. Doch wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann nur an täglich neues Elend mit entsetzlichem Hunger, fast verdurstet in drei glühend heißen Sommern, fast erfroren in drei eiskalten Wintern des Uralgebirges.

Uns Juden hatten sie verstreut untergebracht, wo jeder für sich dahin vegetierte, - stets am Rande des Überlebens....sicher war das auch Stalin ganz recht ?!

Aber trotzdem war es die richtige Entscheidung meiner Mutter gewesen, nach dem Ural zu fliehen, wohin keine deutschen Truppen je gekommen sind. … so haben wir den Judenmord der Deutschen überlebt, und ich erinnere mich noch genau, wie ich als 8-Jährige an jenem bedeutungsvollen 9. Mai 1945 meinen Vater wieder sah."


Unser Verein führte 14 solcher Interviews durch und stellte sie auf unseren technisch neu entwickelten Leuchtsäulen, die wir zum Patent angemeldet haben, seit 2010 vor... und es geht immer weiter. Denn biologisch sind die Zeitzeugen unseres Erinnerungsprojekts die letzten, die wir noch fragen können.

Dazu gehören die aus den GUS immigrierten jüdischen Kontingentflüchtlinge im Jüdischen FrauenVerein. Wenn unsere Ausstellung durch die einzelnen Dresdner Gymnasien tourt, sollen diese verschiedenen Interviews, in denen Zeitzeugen, z.B. auch von der Leningrader Blockade berichten, nachdenklich stimmen, wenn derzeit Gewalt und Extremismus im Vormarsch sind. Nur Zeitzeugenberichte können als die „Letzten, die wir fragen können...“ authentisch den Jugendlichen die erforderlichen Denkanstöße geben.

Interner LinkHomepage Jüdischer FrauenVerein Dresden


 

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