27.02.2019

Interview mit RomArchive, dem digitalen Archiv der Sinti und Roma

Interner LinkRomArchive ist als internationales digitales Archiv für die Künste und Kulturen der Sinti und Roma konzipiert – als stetig wachsende Sammlung von Kunst aller Gattungen, erweitert um historische Dokumente und wissenschaftliche Texte.
Katarina Taikon
Katarina Taikon (1932–1995) war eine schwedische Kaldaraš-Romni und prominente Aktivistin, führend in der schwedischen Roma-Bürgerrechtsbewegung, Schriftstellerin und Schauspielerin. Sie wird oft als "Martin Luther King von Schweden" bezeichnet.
Photo © Björn Langhammer
Licensed & provided by Birgitta Langhammer/Anna Sigurðardóttir–private archive, CC-BY-NC 4.0 International


Letzten Monat, im Januar 2019, ist das RomArchive online gegangen. Wie kam es zu der Idee, dieses internationale, digitale Archiv ins Leben zu rufen?

2012 haben wir, Franziska Sauerbrey und Isabel Raabe, die Umsetzung des kulturellen Rahmenprogramms der Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin unterstützt. Berührt von der allgemeinen Unwissenheit über den Reichtum der Kulturen der Sinti und Roma, haben wir dann mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes in einer zweijährigen Recherche mit Vertreter/-innen der Minderheit zunächst das geeignete Format entwickelt. In den Gesprächen, die wir mit Künstler/-innen, Kulturschaffenden, Kurator/-innen, Aktivist/-innen und Wissenschaftler/-innen aus der Minderheit geführt haben, wurde immer wieder eine Forderung artikuliert: „Wir brauchen einen Ort, an dem unsere Kulturen und unsere Künste sichtbar werden“. So entstand die Idee eines digitalen Archivs für die Künste und Kulturen der Sinti und Roma.

Was genau steckt hinter der Idee des RomArchive, und wer gehört zu den Akteurinnen und Akteuren des Projekts?

Botoló / Stick Dance (1955)
Photo © Zsuzsanna Bene/Hungarian Academy of Sciences
Rights: Zsuzsanna Bene (artwork)/Hungarian Academy of Sciences (scan), rights of use (scan)
Unser Projekt hat einen vierzehnköpfigen Beirat – Wissenschaftler/-innen, Aktivist/-innen und Kulturschaffende – und ein vierzehnköpfiges Kurator/-innenteam. Die Projektbeteiligten zählen sich mehrheitlich zur Minderheit. Alles in allem waren mit Arbeitsgruppen etwa 150 Personen in 15 Ländern europaweit und darüber hinaus am RomArchive beteiligt. Da die Selbstrepräsentation bei RomArchive im Mittelpunkt steht, entstehen in der Vielfalt Erzählungen, die gerade auch die Heterogenität ihrer unterschiedlichen nationalen und kulturellen Identitäten widerspiegeln. Daher war die richtige Gremienarchitektur eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen des Projekts. Wie werden Entscheidungen getroffen? Wie kann Selbstrepräsentation angesichts der Verschiedenheit der Beteiligten überhaupt gelingen? Was darf im Archiv gezeigt werden?
Und auf der anderen Seite bedeutet es natürlich einen enormen Aufwand, kulturelle Artefakte zu digitalisieren und in einer Datenbank nach Archivstandards zu katalogisieren. Mit der Stiftung Deutsche Kinemathek haben wir einen fantastischen Partner für die technische Realisierung gefunden.

Woher beziehen Sie die konkreten Ideen und Inhalte für das RomArchive, und gibt es spezifische Themenschwerpunkte für das kommende Jahr? Erzählen Sie kurz von Ihrer vielfältigen Arbeit.

Die Sammlung von RomArchive enthält Objekte aus zehn Archivbereichen: Bildende Kunst, Film, Flamenco, Literatur, Musik, Tanz, Theater & Drama, Bilderpolitik, Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma sowie Holocaust („Voices of the Victims“). Die Objekte konzentrieren sich auf die Selbstdarstellung von Sinti und Roma und stammen aus Privatsammlungen, Museen, Archiven und Bibliotheken weltweit. Alle Inhalte wurden von den Kurator/-innen bestimmt. Exemplarisch beleuchten sie so eine enorme Bandbreite von kulturellen Beiträgen, anstatt ein völlig realitätsfremdes Bild einer homogenen „Roma-Kultur“ zu vermitteln.

Welche Herausforderungen erwarten Sie in Ihrer zukünftigen Arbeit, und inwiefern kann das RomArchive einen Beitrag zum Engagement gegen Antiziganismus beitragen?

Logo RomArchive
RomArchive setzt den Fokus auf den kulturellen Reichtum – seit Jahrhunderten ist die künstlerische Produktion von Sinti und Roma Teil der europäischen Kulturgeschichte und hat diese stark beeinflusst. RomArchive macht diese Beiträge jetzt endlich sichtbar. Mit bereits über 5.000 Objekten bietet es eine verlässliche Wissensquelle, die Stereotypen und Vorurteilen mit Fakten begegnet. So schafft RomArchive eine im Internet zugängliche, verlässliche Wissensquelle – international und dreisprachig in Deutsch, Englisch und Romanes. Für die Mehrheitsgesellschaften ist dies eine Chance, diesen Reichtum zu erkennen. Für die Vertreter/-innen der Minderheit bietet RomArchive eine Möglichkeit, die Autorenschaft über die eigenen Künste, die eigene Kunstgeschichte, die eigenen Kulturen zurückzufordern.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass das Archiv nach seiner Institutionalisierung – wenn es in den Händen der Minderheit liegt – weiter wächst und als zentrale Plattform für die Kunst und Kulturen der Sinti und Roma großzügig akzeptiert wird.