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BfDT Bündnis für Demokratie und Toleranz - „Ich bin gespannt bis in die Haarspitzen“ - News

„Ich bin gespannt bis in die Haarspitzen“

Workshop „Politischer Extremismus – Theater als Experimentierraum“


Foto: Workshop "Politischer Extremismus – Theater als Experimentierraum"

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Es ist der erste Workshop des Jugendkongresses des Bündnisses für Demokratie und Toleranz (BfDT), den die Teilnehmer an diesem Freitagvormittag besuchen. Sie blicken interessiert umher und suchen bekannte Gesichter unter den anderen Jugendlichen. Gleich nachdem Workshop-Leiterin Anna-Rebekka Düsterhöft anfängt zu sprechen, ist die ganze Aufmerksamkeit aber bei ihr. Die Theaterpädagogin und Schauspielerin ist es gewöhnt, mit Jugendlichen zu arbeiten, zum Beispiel bei Projekten im Theater Strahl in Berlin. Für den Jugendkongress hat sie einen ganz besonderen Workshop vorbereitet. Der Titel: „Politischer Extremismus – Theater als Experimentierraum“. Der Workshop will vermitteln, wie es sich anfühlt, in einer Diktatur zu leben, in der man sich als einzelner einer faschistischen, intoleranten Masse gegenübersieht. Mit geübter Theaterstimme erklärt Düsterhöft den Anwesenden, worum es heute gehen soll. „Schaffe ich es, Nein zu sagen? Halte ich dieses Nein durch? Mit welchen Repressalien muss ich rechnen?“

Auffällig ist, dass Düsterhöft zu Anfang keinen Ablaufplan für ihren Workshop vorstellt. Die einzelnen Stationen entwickelt sie nach und nach. Als erstes sollen die Jugendlichen ein Gruppengefühl entwickeln. Dazu stellen sie sich zum Beispiel gegenüber auf und führen auf Anweisung eines vorher bestimmten Teilnehmers möglichst synchron verschiedene Bewegungen aus. Der Anführer leitet seine Gruppe mal durch Worte, mal durch das bloße Geräusch seines Atems. Die Jugendlichen sind überrascht: Das Atmen funktioniert besser! Sie machen die Erfahrung, dass die tiefere Konzentration auf den unmittelbaren Reiz sie besser koordinieren lässt. Eine eigene Dynamik ist in der Gruppe entstanden. Diese Übung wird auch von Schauspielern benutzt, um Einfühlungsvermögen und Wachsamkeit zu steigern. Düsterhöft erklärt: „Das ist wie in einer Diktatur. Stellt euch vor, überall sind Abhöranlagen, ich bin nie allein. Da bin ich gespannt bis in die Haarspitzen!“ Behutsam entwickelt sie die nächste Station. Nun stehen zwei einzelne Teilnehmer dem Rest der Gruppe gegenüber. Von entgegengesetzten Seiten des Seminarraumes schreien sie einander zu: die einzelnen Teilnehmer „Nein!“, alle anderen „Ja!“. Nach jedem Ruf kommt die Gruppe näher, am Ende umzingelt sie die beiden. Nachdem ein Gruppengefühl entstanden ist, müssen die Jugendlichen nun die Konfrontation aushalten, die sich aus der Spaltung und den gegensätzlichen Positionen ergeben hat.

Ganz um diesen Konflikt zwischen Gruppe und Individuum dreht sich das nächste Rollenspiel. Erst muss ein Jugendlicher der fiktiven Gesellschaft seinen Ausstieg mitteilen, die anderen sollen ihn überzeugen, zu bleiben. Argumentation ist genauso erlaubt wie gespielte Gewalt. Die Jugendlichen sollen erfahren, wie schnell ein Gruppengefühl in Aggression gegen einzelne umschlagen kann. Bei einer anderen Übung sitzt ein Mädchen auf einem Stuhl. Sie darf sich nicht bewegen, alle anderen dürfen sich ihr nähern. Als nächstes wird eine Verhörszene simuliert, in die sich die Teilnehmer hineinversetzen. Eine gespannte Atmosphäre liegt zum Greifen in der Luft. Am Ende sitzt die Teilnehmerin mit dem Rücken zur Gruppe, weiß nicht, wie nah oder wie fern sie ihr ist. Danach sprechen die Beteiligten über ihre Erfahrungen. „Das war schon erschreckend“ und „Ich habe mich bedroht gefühlt“, ist die einhellige Meinung.

Spätestens jetzt ist klar: Das ist kein gewöhnlicher Theaterworkshop, in dem in Rollenspielen vorgegebene Situationen improvisiert werden. Düsterhöft lässt die Jugendlichen selbst erfahren, wie Gruppendynamik entsteht und was sie mit ihren Mitgliedern machen kann. Ebenso macht sie den Jugendlichen deutlich, wie sich ein einzelner angesichts eines übermächtigen Gegenübers fühlt. Dann ist es Zeit, über die gemachten Erfahrungen zu reden. Als Einstieg erhält jeder Teilnehmer einen Satz, wie zum Beispiel: „Mit anderen bin ich stark“. In den nächsten fünf Minuten schreiben die Jugendlichen, was ihnen dazu einfällt. Die Bedingung ist jedoch, dass sie den Stift nicht absetzen dürfen, auch wenn der angefangene Satz noch nicht fertig gedacht ist. Jeder Teilnehmer liest seine Ergebnisse vor, im Anschluss wird diskutiert. Am Ende sind viele Jugendliche begeistert, der Workshop hat ihre Erwartungen übertroffen. Kira, die in ihrer Freizeit regelmäßig an Theaterprojekten teilnimmt, spricht aus, was alle denken: „Das war wirklich mal was anderes.“
 

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