Prof. em. Dr. Roland Eckert, Soziologe, Mitglied im Beirat des BfDT
Gewaltbereitschaft hat individuelle und gesellschaftliche Gründe. Für Individuen gilt: Männer neigen eher zur Gewalt als Frauen. Opfererfahrungen in Kindheit und Jugend erhöhen die Wahrscheinlichkeit, selbst gewalttätig zu werden. Glaubhafte Gewaltdrohung garantiert eine Form sozialer Geltung, die besonders für diejenigen attraktiv ist, die ihre Anerkennung über andere Fähigkeiten nicht einwerben können. Die soziale Anerkennung von „Kampfesmut" ist in verschiedenen Schichten und Herkunftskulturen unterschiedlich ausgeprägt. Dabei ist die christliche Forderung nach Gewaltverzicht über Jahrtausende leider nicht sehr wirksam gewesen. Demokratie und Rechtsstaat können jedoch als evolutionäre Versuche angesehen werden, Konflikte in der Gesellschaft insgesamt nicht zu unterdrücken, sondern mit friedlichen Mitteln auszutragen. Periodische Mehrheitsbildung, Minderheitenschutz und Menschenrechtsgarantien sollen den gewalttätigen Kampf um die Macht ablösen, Interessenausgleich und normierte Verfahren sollen befriedend wirken.
Die erfolgreichsten Ansätze zur Prävention von Gewalt verbinden individuelle und gesellschaftliche Ebene. Gewaltfreie Konfliktbearbeitung muss über Familienberatung in Kindertagesstätten, Sport- und Jugendvereinen erlernt werden. In den Schulen haben sich in den letzten 20 Jahren Konfliktschlichterprogramme als erfolgreich erwiesen. Schulen und Jugendzentren können auch zunächst benachteiligten Jugendlichen Gelegenheiten geben, ihre besonderen Fähigkeiten zu entdecken und zu präsentieren. Die Übung, die eigene Welt auch einmal mit den Augen der anderen zu sehen, kann viel zu interkulturellem Verständnis beitragen. Arbeit an gemeinsamen Projekten ist geeignet, die wechselseitige Sichtweise an konkreten einzelnen Menschen zu orientieren und weniger an den Gruppen, der diese zugehören, und die unter Umständen miteinander verfeindet sind. Gruppenübergreifende Solidarität kann auf gemeinsamen Unternehmungen gelebt werden. All diese unmittelbaren Erfahrungen können dann durch entsprechende Interpretationen ins Grundsätzliche gewendet werden.
Speziell in politischen Konflikten geht es um gewaltfreie und zugleich wirksame Alternativen bei der Erzeugung öffentlicher, d.h. medialer Aufmerksamkeit für die Themen, die nicht hinreichend Berücksichtigung finden. Die internationale Tradition gewaltfreier Demonstrationen hat mit dem Slogan „Keine Gewalt" auch zum Sturz der SED-Diktatur und zur Deutschen Einheit beigetragen. Hier gibt es erprobte Trainingsformen, die der Eskalation von Gewalt z.B. bei Großdemonstrationen entgegenwirken.
All diese Versuche dienen nicht nur dazu, Gewalt zu vermeiden, sondern auch dazu, dem Hass vorzubeugen, der sich mit ihr ausbreitet und neue Gewalt sowie individuelle und kollektive Traumatisierungen erzeugt. Gewaltprävention kann so als Teil eines Vermächtnisses des 20. Jahrhunderts begriffen werden.
Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast, Parlamentarische Staatssekretärin a.D., Mitglied im Beirat des BfDT seit der Gründung im Mai 2000, heute als freie Journalistin für NDR und Deutschlandfunk tätig, ehrenamtliche Vorsitzende der „Aktion Gemeinsinn".
Anschauungsunterricht können viele Gruppen,Vereine und auch Einzelpersonen liefern, die sich beim „Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt" vorgestellt oder auf unsere Aufrufe zu den alljährlich stattfindenden Best-Practice-Wettbewerben gemeldet haben. Wenn man für die guten Ideen, die da in die Tat umgesetzt werden, gemeinsame Formeln finden will, lauten diese am ehesten: „Reden statt Schlagen", „Aufklären anstatt Vorurteile pflegen", „Einander kennenlernen statt sich anzufeinden", „hinschauen - handeln - helfen, statt wegzusehen". Eines hängt mit dem andern zusammen: Wer Konflikte und Aggressionen mit Worten eindämmen will, braucht Argumente. Die wiederum überzeugen Angreifer am ehesten, wenn sie mit Fakten unterlegt sind. Beispiel Ausländerfeindlichkeit: Viele zivilgesellschaftliche Gruppen sammeln sachliche Informationen über Zuwanderer und deren kulturelle Identität, werben mit Sprachkursen, Festen oder Theaterstücken für ein besseres Miteinander zwischen Migranten und Einheimischen. Andere trainieren mit gewaltbereiten Jugendlichen Fairness und Völkerverständigung im Sport. Wieder andere bilden Schutzräume für potentielle Opfer rechtsextremer Angriffe oder betätigen sich als Lobby für Behinderte.
Nicht jeder kann sich tatkräftig einmischen, wenn Menschen von brutalen Angreifern beleidigt, gedemütigt oder geschlagen werden. Aber jeder kann versuchen, sich mit anderen Passanten zusammenzutun. Er kann die Polizei alarmieren, er kann zeigen, dass es niemals und zu keiner Tages- oder Nachtstunde rechtsfreie Räume gibt. Das ist eine Binsenweisheit, aber man muss sie immer wieder erwähnen, weil es leider immer wieder vorkommt, dass Augenzeugen tatenlos bleiben. Und: wo sich Schlägerbanden bilden, muss das Problem offen angesprochen und nicht etwa mit Rücksicht auf das Image des Dorfes oder der Stadt totgeschwiegen werden! Potentielle Täter müssen wissen, dass die Gesellschaft sich mit den Schwachen solidarisiert und Gewalt nicht duldet. Diese Grundregel menschlichen Zusammenlebens vermittelt man am besten so früh wie möglich: in den Elternhäusern, in Kindergärten, Schulen, Jugendvereinen. Das ist nicht nur Aufgabe von Sozialarbeitern, Kindergärtnerinnen und Lehrern. Auch Nachbarn, Freunde, Kollegen - kurz: die Repräsentanten der Zivilgesellschaft - sind gefordert. Viele Gruppen und Vereine, die sich unter dem Dach des „Bündnisses für Demokratie und Toleranz - gegen Extremismus und Gewalt" versammeln, haben dazu überzeugende Konzepte entwickelt. Das stimmt mich optimistisch - allen zweifellos vorhandenen Problemen zum Trotz.
Gewaltprävention ist eine Querschnittsaufgabe, die fast alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. Insofern fungiert das BfDT für zivilgesellschaftliche Initiativen aus all diesen Bereichen als zentraler Ansprechpartner. Dies zeigt sich an der entsprechenden Resonanz in den beiden Wettbewerben des BfDT, insbesondere der breit gestreuten Beteiligung von vorbildlichen Projekten im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz" aus den Bereichen Schule, Jugendgruppen, Wohnquartiere, Sport, Kirchen/Religionsgemeinschaften und Medien sowie dabei von ganz unterschiedlichen Trägern. Dadurch konnte das BfDT ein Arsenal unterschiedlichster Handlungsansätze für Gewaltprävention sammeln und weitervermitteln. Um den Wirkungsgrad solcher Best Practice-Ansätze zu steigern, werden wir neue Partner ansprechen, die ein Eigeninteresse an Gewaltprävention haben und die als große Unternehmen oder Verbände in die Breite wirken.
Aufgrund der Zusammenarbeit mit langjährig im Feld arbeitenden Initiativen bzw. Experten sind wir zu der Auffassung gekommen, das die Gewaltproblematik einschließlich vorgelagerter Phänomene wie Mobbing im alltäglichen Umgang insbesondere unter Kindern und Jugendliche eine starke, unterschätzte Rolle spielt. Deswegen haben wir bereits im Klemperer-Wettbewerb 2007/2008 Gewaltprävention als Schwerpunkt hervorgehoben und werden dies auch im Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz" 2008 tun, um durch das Sammeln und anschließende Verbreiten vorbildlicher Praxisansätze Impulse zu setzen. In diesem Kontext ist auch eine für 2008 geplante Tagung zum Thema Jugendgewalt zu nennen, in der gute Beispiele der Kooperation von zivilgesellschaftlichen Organisationen präsentiert und die unterschiedlichsten Akteure zusammengeführt werden sollen. Impulse, die das BfDT in der Vergangenheit gesetzt hat, waren die Unterstützung eines Modellprojekts „Konfliktmanagement" (bei der mehrere Berufsgruppen Methoden zur friedlichen Lösung von Konflikten unter gewaltbereiten Jugendlichen lernten) sowie einzelne Projekte direkt mit Jugendlichen.
Insgesamt wird das BfDT den Pfad der bereichsübergreifenden Vernetzung mit dem Ziel, zivilgesellschaftliche Ansätze zu effektiven, integrierten Lösungsstrategien zu verknüpfen, weiterentwickeln. Auf diese Weise wollen wir einen Beitrag zu einem nationalen Präventionskonzept leisten.
Die beste Voraussetzung, um Gewalt im zwischenmenschlichen Bereich zu vermeiden, ist eine gewaltfreie Erziehung. Als Vater oder Mutter kann ich ausgesprochen viel erreichen für künftiges gewaltfreies Verhalten und gewaltfreie Konfliktaustragung, denn eine wesentliche Grundlage für spätere Gewalttätigkeit wird im familiären Rahmen gelegt Die Norm gewaltfreier Erziehung gilt übertragen auch für Lehrer/innen, Erzieher/innen.
Prägend wirken, wenn auch nicht so stark wie im elementaren Erziehungsbereich, kann man dadurch, dass man in den Gruppen, in denen man sich alltäglich unter seinesgleichen bewegt, für ein gewaltfreies Zusammenleben eintritt und dieses praktiziert: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Sportverein, in Bussen und Bahnen. Nehme ich hier Defizite wahr, gibt es auf die jeweilige Konstellation zugeschnittene, geeignete Handlungsansätze. Informationen und Anregungen dazu finden sich etwa bei den auf unserer Homepage zusammengestellten Initiativen und weiterführend bei den Links in diesem Themenbereich zu anderen Homepages; dort auch mit weiteren Verweisen. Wichtig ist dabei, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. Manche - bereits zugespitzte oder verdichtete - Problemlagen lassen sich jedoch nicht durch Handlungen Einzelner oder einzelner Gruppen, sondern nur durch ein koordiniertes und arbeitsteiliges Zusammenwirken mehrerer zivilgesellschaftlicher Initiativen oder dieser mit öffentlichen Institutionen erreichen - es gibt Grenzen des individuellen Engagements!
Werde ich Zeuge eines gewaltsamen Angriffs oder einer Drohung, kann ich helfen durch
Die Faustregel ist: Immer opferorientiert und nicht täterbezogen handeln - also schützen statt konfrontieren.
Schließlich ist im Sinne der Prävention eine täglich gelebte Haltung wichtig, die nicht auf das Recht des Stärkeren setzt und die andere als gleichwertig anerkannt.