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Häufige Fragen zum Thema Antisemitismus


 

Was ist Antisemitismus und wie verbreitet ist er in Deutschland?

 
 

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, Mitglied im Beirat des BfDT

Antisemitismus, Judenfeindschaft im weitesten Sinn, zeigt sich in vier Grundphänomenen: Der christliche Antijudaismus, also die religiös motivierte, aber auch kulturell, sozial und ökonomisch determinierte Form des Ressentiments gegen Juden vom Mittelalter bis zur Neuzeit spielt heute in Deutschland eine untergeordnete Rolle. Die zweite Form von Judenfeindschaft ist der - scheinbar wissenschaftlich, nämlich anthropologisch und biologistisch argumentierende - Rassenantisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstand und in den Holocaust mündete. Dieser Antisemitismus ist vor allem in der rechtsextremen Szene verbreitet. Die dritte Version des Vorbehalts, Judenfeindschaft nach dem Holocaust, der sekundäre Antisemitismus, speist sich aus Gefühlen der Scham und Schuldabwehr. Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz werden Ressentiments gegen Juden mobilisiert, die sich an Entschädigungsleistungen und Wiedergutmachungszahlungen kristallisieren.

Eine weitere Erscheinungsform antijüdischer Ressentiments, der Antizionismus, war als viertes Grundphänomen der Judenfeindschaft entscheidender Bestandteil von Politik und Propaganda der DDR. Dieses Ressentiment, das dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht, breitet sich aus, weil er, unter dem Vorwand, die Politik Israels zu kritisieren, ein Ventil öffnet, gegen „die Juden" insgesamt gerichtete Aversionen zu artikulieren.

Zu unterscheiden ist zwischen manifestem Antisemitismus, der sich in Attacken gegen Personen, in Sachbeschädigungen und Propagandadelikten äußert sowie einem latenten Antisemitismus, der sich im Alltagsdiskurs allenfalls als stillschweigendes Einverständnis über „die Juden" zeigt, der aber überwiegend auf der Einstellungsebene bleibt, also vor allem bei Meinungsumfragen in Erscheinung tritt.

Manifester Antisemitismus ist wegen der Regeln politischer Kultur in Deutschland selten. Die zur Verfolgung kommenden Straftaten sind Akte von Volksverhetzung, Friedhofschändungen und Anschläge auf Synagogen. Latenter Antisemitismus gehört nach Meinungsumfragen zum Weltbild von 20% der Deutschen.

 

Wie nimmt das BfDT seine Rolle als zentraler Ansprechpartner und Impulsgeber der Zivilgesellschaft im Bereich Antisemitismus wahr?

 

Geschäftsstelle des BfDT

 

Die Bekämpfung von Antisemitismus und antisemitischen Tendenzen in unserer Gesellschaft bildet einen zentralen Arbeitsschwerpunkt des BfDT. Mit dem Auftrag zivilgesellschaftliches Engagement zu vernetzen und zu koordinieren, hat das BfDT mehr als einhundert Vereine, Verbände, Initiativen und öffentliche Einrichtungen, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen, unter seinem Dach versammeln können. Deren Kompetenzen, Aufgaben und Ziele sowie regionalen Kontext  können Sie in unserer Datenbank (Link) recherchieren.

Wir als BfDT fördern und unterstützen darüber hinaus zivilgesellschaftliches Engagement, indem wir vorbildliche Projekte gegen Antisemitismus sammeln, weiterempfehlen, öffentlich machen und auszeichnen - so beispielsweise in unserem Best-Practice-Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz" (Verlinkung). Seit 2001 haben wir dabei eine Vielzahl von Projekten im Themenbereich Antisemitismus ausgezeichnet. Darunter befinden sich unter anderem Projekte, die aufzeigen, wie man sich mit der Geschichte des Holocaust auseinandersetzen und das Thema Antisemitismus in der schulischen sowie außerschulischen Bildungsarbeit an Jugendliche vermittelt werden kann. Außerdem wurden vom BfDT verschiedene Projekte gefördert, die sich der Begegnung und dem Dialog mit dem heutigen Judentum und den aktiven jüdischen Gemeinden in Deutschland widmen. Auch unterstützen wir bürgerliches Engagement, das sich mit Antisemitismus rechtsextremistischer und islamistischer Prägung auseinandersetzt.

Als Impulsgeber der Zivilgesellschaft ist es jedoch nicht nur unsere Aufgabe, diese vorbildlichen „Best-Practice-Modelle" zu veröffentlichen, sondern auch verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zugänglich zu machen, die ebenfalls mit dem Problem Antisemitismus konfrontiert sind. So hat sich das BfDT im vergangen Jahr verstärkt der Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im Fußball angenommen. Auf Grund unserer Kernkompetenz „Vernetzung und Dialog" haben wir beispielsweise an der Expertentagung der Parlamentarischen Versammlung der OSZE zum Thema „Antisemitische Tendenzen im Fußball und erfolgreiche Strategien zu ihrer Bekämpfung" am 25. Januar 2008 teilgenommen. In unserem Beitrag haben wir dargestellt, wie Vertreter des Fußballs und erfahrene zivilgesellschaftliche Akteure aus anderen Bereichen zur Entwicklung gemeinsamer Lösungsansätze gegen Antisemitismus zusammengebracht werden können.

 

Wie kann ich mich persönlich gegen Antisemitismus engagieren?

 

Geschäftsstelle des BfDT

 

Vorurteile und die oftmals unterschwellige, aber auch offene Feindschaft gegenüber Juden sind bis heute Teil der gesellschaftlichen Realität in der Bundesrepublik Deutschland. Deswegen steht die Bekämpfung von Antisemitismus mehr denn je auf der Tagesordnung. Es ist und bleibt die historische Verantwortung jeder und jedes Einzelnen, allen Formen des Antisemitismus vehement entgegen zu treten! Jede/r kann etwas gegen Antisemitismus und antisemitische Vorurteile tun. Eine bewährte Antwort darauf, wie man sich aktiv gegen Antisemitismus engagieren kann, lautet „Aufklärung und Bildung". Dies kann zum einen die persönliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und den Auswirkungen des mörderischen Antisemitismus während der NS-Zeit beinhalten. So kann man durch die Beteiligung an Geschichtswerkstätten die Vergangenheit von Einrichtungen, Orten oder einer gesamten Region  aufarbeiten, in denen jüdische Mitbürger vor dem Holocaust gewirkt und gelebt haben. Als Resultat vieler solcher Projekte oder Nachforschungen  werden an den verschiedenen Orten zum Gedenken an die ehemaligen jüdischen Bewohner so genannte „Stolpersteine" verlegt. Zum anderen ist für eine vorurteilsfreie Einstellung jedes/r Einzelnen neben der Beschäftigung mit der Vergangenheit oftmals die Begegnung mit dem heutigen jüdischen Leben und den Gemeinden in Deutschland prägend. Viele jüdische Gemeinden bieten zur Förderung des interkulturellen Dialogs einen „Tag der offenen Tür" oder Treffen und Gespräche mit ihren Mitgliedern an. Mit demselben Ziel können auch gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. lokale Fußballvereine den Kontakt zu jüdischen Vereinen suchen und durch Freundschaftsspiele die „Anderen" besser kennen lernen. Beleidigungen des Schiedsrichters als „Judensau" oder antisemitische Gesänge wie „wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz" gehören auf keinen Fall auf den Fußballplatz und jeder aktive Fußballer und Fan sollte sich gegen solche Hasstiraden offensiv zur Wehr setzen. Zivilgesellschaftliches Engagement ist besonders auch dann gefragt, wenn beispielsweise wieder einmal jüdische Friedhöfe geschändet oder antisemitische Graffitis an Häuserwände geschmiert werden. Nicht nur die rechtsstaatliche Verfolgung der Täter durch staatliche Behörden ist hier wichtig, sondern gerade die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Beseitigung der Schäden setzt ein besonderes Ausrufezeichen dafür, dass Antisemitismus in unserer Gesellschaft keinen Platz haben darf.

Wie organisierte Reaktionen und Aktivitäten gegen Antisemitismus aussehen, können Sie in unserer Projektdatenbank/-archiv nachlesen.
 

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