12.09.2019

Interview mit dem BfDT-Botschafter 2019 Selahattin-Burak Yilmaz

Burak Yilmaz ist Germanist, Anglist und Pädagoge. Geboren und aufgewachsen in Duisburg setzt er sich für eine geschlechtergerechte Gesellschaft und die Öffnung der Erinnerungskultur in der Migrationsgesellschaft ein. In den Duisburger Projekten „Heroes“ und „Junge Muslime in Auschwitz“ bildet er jugendliche Multiplikatoren zum Thema Ehrunterdrückung, Gleichberechtigung und Antisemitismusbekämpfung aus. Darüber hinaus arbeitet er als pädagogischer Mitarbeiter am Zentrum für Erinnerungskultur der Stadt Duisburg. Im Interview können Sie nachlesen wie es ihm gelingt, Jugendliche für Themen wie Empathie, Menschenrechte und Zivilcourage zu begeistern.

© Selahattin-Burak Yilmaz© Selahattin-Burak Yilmaz

Für Ihr außergewöhnliches Engagement wurden Sie als „BfDT-Botschafter für Demokratie und Toleranz" 2019 ausgezeichnet. Woher schöpfen Sie die Motivation für Ihre Tätigkeiten?

Mich stört, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der das Thema Antisemitismus nicht die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt, obwohl wir im Land der Täter der Shoa leben. Ich bekomme oft Nachrichten von jüdischen Schülerinnen und Schülern, die in der Schule ihre Identität verheimlichen, weil sie Angst davor haben, keine Solidarität zu erfahren. Das sind Zustände, die mich wütend machen und gegen die ich etwas unternehmen will.

Ihr Ziel ist es, Jugendlichen gerade in solchen Stadtteilen Räume zu eröffnen, die kaum über Bildungsangebote verfügen. Welche Rolle spielt in Ihrem heutigen Engagement Ihr eigener Hintergrund, in einem Stadtteil aufgewachsen zu sein, in dem es kaum Zugang zu Bildungangeboten gab?

Ich musste mir vieles selbst erarbeiten, weil man als Jugendlicher in diesem Stadtteil nichts geschenkt bekommt. Als Jugendlicher habe ich mich oft ohnmächtig und alleine gelassen gefühlt, weil in unseren Stadtteil nie investiert wurde. Und wenn ich heute Jugendliche betreue, die genau dasselbe fühlen, dann kann ich auf Gefühle und Situationen zurückgreifen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne. Ich will Jugendliche beim Entdecken und in ihrer Neugier begleiten, weil gerade in solchen Stadtteilen die Zukunft unseres Landes liegt. Die Jugendlichen, die hier unterwegs sind, haben alle wahnsinnige Talente.

© Selahattin-Burak Yilmaz© Selahattin-Burak Yilmaz
Sie setzen sich vor allem gegen Antisemitismus und für eine angemessene Erinnerungskultur in Deutschland ein. Warum ist Ihnen gerade dieses Thema so wichtig, und wodurch kam das Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ ins Rollen?

Für mich war Geschichte schon immer interessant. Ich bin in einer türkisch- kurdischen Familie aufgewachsen mit vielen politischen Konflikten und war innerlich ziemlich zerrissen. Obwohl ich diese Identität in ihrer Komplexität sehr schätze, hat sie mich oft zum Verzweifeln gebracht. Ich habe in meiner Arbeit gemerkt, dass diese Identitätskonflikte bei vielen Jugendlichen eine Rolle spielen. Auch wenn es darum geht, dass sie oft Erfahrungen mit Rassismus im Alltag machen. Es gab aber Momente, wo ich in meiner Arbeit gemerkt habe, dass der Antisemitismus ein besonderes Phänomen ist. Nicht nur für uns in Deutschland, sondern auch in deutsch- muslimischen Familien. Es ist ein übergreifendes Phänomen, was viele Fanatiker jeder Couleur verbindet, weil sie dann einen gemeinsamen Sündenbock haben.

In Ihrem Interner LinkVideoportrait, das auf der BfDT-Homepage zu finden ist, betonen Sie, dass es bei den Gedenkstättenfahrten vor allem um Empathie, Menschenrechte und Zivilcourage geht. Wie genau gelingt es Ihnen, den Jugendlichen diese Werte nah zu bringen?

Durch Theater spielen! Theater ist die beste Methode, um seine inneren Gefühle und seine innere Welt kennenzulernen. Manchmal muss man Rollen spielen, die einem völlig unbekannt sind und in die man sich hineindenken muss. Dadurch entsteht Empathie, man wechselt die Perspektive und schaut mit anderen Augen aufs Leben. Das öffnet den Horizont und macht dabei auch noch Spaß.

Selahattin-Burak YilmazSelahattin-Burak Yilmaz (© Andre Wagenzick/ BfDT)
Als Gruppenleiter bei „HeRoes Duisburg – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“ setzen Sie sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Welchen Herausforderungen begegnen Sie dabei in der Arbeit mit Jugendlichen, und haben Sie Tipps an Leser/-innen, die sich ebenfalls für eine diverse und gerechte Gesellschaft einsetzen möchten?

Man muss Konflikte wagen. Man kann nicht Probleme totschweigen, ob es in der Schule ist oder im eigenen Elternhaus zu Hause. Je mehr diese Sprachlosigkeit sich breit macht, desto mehr verdrängen wir viele Probleme. Und so ist es auch beim Thema Ehre. Familiär ist dieses Thema so ein großes Tabu, dass das Wort nicht einmal ausgesprochen wird, obwohl es die gesamte Identität der Familie regelt und für Ungerechtigkeit sorgt. Wir dürfen das Thema Sexismus aber nicht nur bei Minderheiten im Auge behalten, denn wir leben in einem Land, in dem Frauen immer noch weniger verdienen und im Alltag mit schlimmen Beschimpfungen zu kämpfen haben, sobald sie selbstbestimmt leben wollen. Das müssen wir aufbrechen, denn sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht.