06.01.2009

Initiative „Offenes Haus – Offenes Herz“ Markt Schwaben

Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2007"

Foto: Sommerfest; "Offenes Haus-offenes Herz" Markt SchwabenFoto: Sommerfest; "Offenes Haus-offenes Herz" Markt Schwaben
Foto: Internationaler Frauenabend
Foto: Betreuungsnachmittag
Von Bettina Ismair („Offenes Haus - Offenes Herz" Markt Schwaben)

Als unser jüngerer Sohn im Jahr 2000 eingeschult wurde, kam er in eine Klasse mit ca. 25 % Migrantenkindern. Im Januar 2001 erhöhte sich die Zahl der Zuwanderer noch um drei Asyl-bewerberkinder aus Afghanistan. Diese Kinder hatten buchstäblich nicht mehr als das, was sie am Leibe trugen: keine jahreszeitgerechte Kleidung, keine Schul- und Sportmaterialien und keinerlei Deutschkenntnisse. Ein normaler Unterricht war daher kaum möglich.

Als die Situation bei der Klassenelternschaft bekannt wurde, hieß es zunächst: Warum müssen diese Kinder ausgerechnet in unsere Klasse? Wir könnten an das Schulamt schreiben und uns beschweren! Doch letztlich siegten Vernunft und vor allem Mitmenschlichkeit. Wir wollten den eigenen Kindern ein gutes Vorbild sein und versuchen, die kleinen Flüchtlinge so schnell wie möglich in unsere Gesellschaft zu integrieren. Um auszuloten, was genau erwünscht und möglich sei, stellten wir über die Klassleiterin den Kontakt zu den afghanischen Familien her.

Zusammen mit einem Dolmetscher trafen wir uns zu einem gemeinsamen Gespräch in der Schule. Die afghanischen Familien waren sehr dankbar über die Kleider- und Materialspen-den der Elternschaft. Hinzu kamen unsere Idee und das Angebot, die Kinder wenigstens einen Nachmittag pro Woche in verschiedenen deutschen Familien zu betreuen. Wir wollten die Kinder - so gut es ging - wieder etwas „heile Welt" erleben lassen und ihnen helfen, ganz nebenbei die deutsche Sprache und Kultur kennenzulernen.

Zunächst waren die Asylbewerberfamilien natürlich etwas skeptisch. Wer gibt denn seine Kinder in einem unbekannten Land, dessen Sprache man nicht versteht, gerne in fremde Hän-de? Doch einen ersten Versuch konnte niemand abschlagen. Die deutschen Mütter holten die Kinder am Pausenhof der Schule ab und brachten sie am Abend auch pünktlich dorthin wieder zurück. Als die ausländischen Mütter sahen, mit welch glänzenden Augen ihre Kinder zurückkehrten, waren Misstrauen und Angst schnell vergessen.

Zunächst hatten wir die Betreuungsnachmittage mit vier Kindern und sechs deutschen Familien begonnen. Bereits in der dritten Woche wollte plötzlich der gesamte schulpflichtige Nachwuchs des örtlichen Asylbewerberheimes mitgenommen werden. Jetzt einen Rückzieher zu machen, das konnten und wollten wir nicht.

Zusammen mit der Förderlehrerin der Grundschule warben wir auch in anderen Klassen um deutsche Betreuer. Mittlerweile sind wir ständig um die 20 deutsche Familien, insgesamt waren/sind in den vergangenen acht Jahren rund 60 Familien in der Betreuung aktiv. Gleichzeitig verstärkten sich auch die Beziehungen zu den Familien, die in der Asylbewerberunterkunft lebten. Neben vielen afghanischen Flüchtlingen waren auch Menschen aus dem Irak, aus China, Äthiopien und Angola dort untergebracht.

Vor allem die Frauen baten uns, sie die deutsche Sprache zu lehren. In den Unterkünften gab es keinerlei sozialpädagogische oder sonstige Betreuung. Die Menschen - nicht selten traumatisiert durch Vertreibung und Flucht - waren völlig auf sich alleine gestellt. Um die geringsten Kleinigkeiten zu regeln, mussten sie deutsch sprechen können. Also organisierten vier deutsche Frauen aus dem Kreis der Betreuerinnen einen regelmäßigen Besuchsdienst und einen privaten Deutschkurs.

Die Asylbewerberunterkunft wurde im Sommer 2004 schließlich geschlossen. Das von der Regierung von Oberbayern angemietete Gebäude war schon länger in einem völlig desolaten Zustand und konnte nicht mehr für eine Wohnnutzung verwendet werden. Für nahezu alle Menschen der Unterkunft in Markt Schwaben, die einen längerfristigen Aufenthaltstitel bekommen hatten, konnten wir geeignete Wohnungen am Ort oder in benachbarten Gemeinden finden.

Der Kreis der von unserer Initiative betreuten Kinder vergrößerte sich trotz der Schließung um Migranten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommen waren. Auf diese Weise wurden seit 2001 bis jetzt rund 60 Migrantenkinder und beinahe ebenso viele Familien von uns begleitet. Im vergangenen Schuljahr konnten wir durch die Kooperation mit dem örtlichen Franz-Marc-Gymnasium unser Betreuungsangebot erweitern. Im Rahmen der „AG Offenes Haus" stehen hier rund 20 Schülerinnen aus den 10. und 11. Klassen zur Verfügung, um ältere Migrantenkinder individuell zu fördern und schulisch zu unterstützen. Der regelmäßige Kontakt zwischen Gymnasiasten und Kindern aus Haupt- oder Realschule fördert das Verständnis füreinander und hat bereits viele Vorurteile auf beiden Seiten ausgeräumt.
Unsere privat organisierten Deutschkurse für die Erwachsenen wurden inzwischen durch die staatlichen Integrationskurse abgelöst. Wir treffen uns jedoch etwa alle sechs bis sieben Wochen zu einem „Internationalen Frauenabend", bei dem wir jedes Mal die Küche eines anderen Landes kennenlernen. Oft nehmen Frauen aus 15 verschiedenen Nationen daran teil - und als einzige gemeinsame Sprache wird natürlich deutsch verwendet. Einmal im Jahr veranstalten wir ein großes Sommerfest. Wir bringen deutsche und ausländische Menschen auch bei vielen anderen Gelegenheiten zusammen, wie z. B. einem Familien-Brunch, gemeinsamen Ausflügen oder beim „Internationalen Fest der Kinder".

Unsere Initiative „Offenes Haus - Offenes Herz" ist mittlerweile, nicht zuletzt dank verschiedener Preisverleihungen, Fernsehreportagen und Zeitungsberichten deutschlandweit einigermaßen bekannt. Auch diverse Fach- und Diplom-Arbeiten wurden bereits über uns geschrieben. Allerdings hält sich die Bekanntheit in unserem Landkreis Ebersberg noch in Grenzen. So waren wir sehr erfreut, im Rahmen der Aktion „Bunte Wochen gegen Rechtsradikalismus und Gewalt" unsere Initiative und die damit verbundenen Aktivitäten näher vorzustellen.

Hier können Sie mehr über uns erfahren: Interner Linkwww.offenes-haus.eu
Wir freuen uns ganz besonders über einen Eintrag in unserem Gästebuch!



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