06.05.2008

Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf

Preisträger im Wettbewerb "Aktiv für Demokratie und Toleranz 2007"

Preisverleihung in KasselFoto: Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus Kirtorf
von Pedro Valdivielso, Mitglied des Aktionsbündnisses


Kirtorf ist eine kleine Stadt im Vogelsbergkreis mit ca. 3500 Einwohnern und besteht aus sieben Ortsteilen. Kirtorf ist bundesweit nicht bekannt, es sei denn, jemand interessiert sich für Neonazis und rechte Musik.

Wie das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz informierte, gab es in Kirtorf bis Sommer 2004 viele Jahre regelmäßig rechte Konzerte: „das Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik", "Synagogen sollen brennen, Untermenschen um ihr Leben rennen" oder "Wetzt die langen Messer auf dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib". Solche menschenverachtenden Klänge drangen jahrelang aus einem Bauernhof in Kirtorf in die Öffentlichkeit. Politik und Ordnungskräfte fanden lange Zeit keinen Weg, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Bei vielen dieser so genannten Konzerte gab es Personenkontrollen und manchmal auch Platzverweise, die Veranstaltungen konnten dennoch ungehindert stattfinden, süffisant gesagt sozusagen „unter Polizeischutz".

Zwei maßgebliche Ereignisse waren es, die die Wende brachten: Zum einen die mutige „undercover"-Arbeit eines Journalisten, der das letzte Konzert im Juli 2004 filmte und in der TV-Sendung „Kontraste" öffentlich machte. Durch diesen Nachweis konnten Justiz und Polizei endlich die erforderlichen Maßnahmen treffen, um die Konzerte zu verbieten. Seitdem gibt es keine Konzerte mehr. Wir Kirtorfer sind dem unbekannten Reporter und der Sendung „Kontraste" sehr dankbar.

Das zweite maßgebliche Ereignis war die Gründung des Aktionsbündnisses gegen Rechtsextremismus Kirtorf im Jahr 2004. Endlich, nach langen Jahren des Zuschauens und der Ohnmacht, kamen Bürger und Politiker zusammen und sagten gemeinsam „Nein!". Die „zarte Blume" der Zivilcourage erblickte nun auch in Kirtorf das Licht der Welt.

Am 17.April 2008 hat nun unser Aktionsbündnis als Teilnehmer am Wettbewerb „Aktiv für Demokratie und Toleranz" in Kassel einen Preis für seinen Einsatz erhalten. Es ehrt uns sehr, dass unsere Arbeit außerhalb unserer Stadt und des Vogelsbergkreises Anerkennung findet. Für viele Mitglieder unseres Bündnisses war die Ehrung Balsam für die Seele. Balsam für die viele Mühe und für einige erlittene Enttäuschungen und Anfeindungen.

Die meiste Freude macht uns, dass unser Bündnis nach wie vor existiert und zwar lebendiger denn je.

In der Anfangszeit gab es zunächst Aktionen wie Unterschriftensammlungen, Erstellung und Verteilung eines Aufklebers „Buntes Kirtorf", Aufstellen von Schildern am Ortseingang, eine Informationsveranstaltung in der Stadthalle, Besuche von Gerichtsverhandlungen im Zusammenhang mit dem Rechtsextremismus in Kirtorf etc. Einige Vereine des Ortes fügten einen Passus zur Abgrenzung gegenüber Rechtsextremismus in ihren Satzungen an. Diese Aktionen waren unseres Erachtens ganz wichtige Schritte im Sinne des „Flagge zeigen".

In Weiterentwicklung unserer Herangehensweise sind wir dazu übergangen, in direktem Kontakt mit den Jugendlichen des Ortes Grundlagen zu schaffen, welche die Anziehungskraft der Rechtsextremisten weiter eindämmen sollen. Im letzten Jahr haben wir u.a. drei Veranstaltungen mit und für Jugendliche organisiert: „Wo drückt Euch der Schuh?", einen „Informationsabend zum Rechtsextremismus in Kirtorf und im Vogelsberg" und „cool sein, cool bleiben", eine gruppenpädagogische Veranstaltung mit einem früheren Preisträger des BfDT: dem Verein SMOG(Schule machen ohne Gewalt).

In diesem Jahr laufen unsere Aktionen und Veranstaltungen unter dem Titel „Zivilcourage". Eine im Jahr 2004 von Stadtverordneten und Magistrat verfassten Resolution für Vielfalt und gegen Rechtsextremismus wurde aus der Schublade der Vergessenheit herausgeholt und in Absprache mit Gewerbetreibenden und Vereinsvorsitzenden unserer Stadt an sichtbaren Stellen in Geschäften, Gaststätten und Vereinsräumen ausgehängt - direkt neben dem Jugendschutzgesetz.

Wenn wir vor wenigen Jahren sagten, „Wir kommen aus Kirtorf", wurde uns häufig mitleidig entgegnet: „Ach, das ist, da wo die Nazis sind". Heute werden wir mit Achtung gegrüßt und Kirtorf steht im Vogelsbergkreis für eine Stadt, die keine Probleme unter „den Teppich kehrt" und sich aktiv für Demokratie einsetzt. Und damit das so bleibt, wird unser Bündnis weiter engagiert für Demokratie und Toleranz arbeiten.



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