"Politische Differenzen zwischen Israel und Palästina bedeuten nicht zwingend Differenzen zwischen den Menschen"

Interview mit Dr. Yazid Shammout und Michael Fürst

Michael Fürst ist Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Niedersachsen und Dr. Yazid Shammout Vorsitzender der palästinensischen Gemeinde Hannover. Sie beide verbindet daher eine besondere Freundschaft. Denn trotz politischer Differenzen treten sie seit mehreren Jahren gemeinsam in die Öffentlichkeit, um einen friedlichen jüdisch-muslimischen Dialog zu praktizieren. Im Interview berichten die BfDT-Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017, was ihr vorbildliches Miteinander ausmacht und welche Herausforderungen verschiedene Ansichten mit sich bringen.

Dr. Yazid Shammout, Vorsitzender der palästinensischen Gemeinde Hannover, und Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen (Foto: Axel Martin/ BfDT)Dr. Yazid Shammout, Vorsitzender der palästinensischen Gemeinde Hannover, und Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen (Foto: Axel Martin/ BfDT)

Herr Shammout, Herr Fürst, Sie sind gemeinsam BfDT-Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017. Inwiefern hatte diese Auszeichnung Auswirkungen auf Ihre Arbeit und auf die Wahrnehmung dieser Arbeit?

Die Auszeichnung zum „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ 2017 war eine überraschende Ehrung, die uns erneut deutlich machte, dass unsere jetzt schon mehrjährige Freundschaft in einer Zeit voller kriegerischer Auseinandersetzungen weltweit eben nicht immer „selbstverständlich“ ist. Es ist nicht alltäglich, wenn Menschen unterschiedlicher Abstammung oder unterschiedliche Religionen miteinander ins Gespräch kommen wollen, um sich kennenzulernen. Die Preisverleihung hat uns gezeigt, dass auch andere unser Tun als etwas Besonderes erkennen und würdigen. Das ist eine Ehre. Die Auszeichnung ist aber zugleich Aufforderung, energisch weiterzumachen in unseren Bemühungen.

Wie kam es zu der Entscheidung, sich gemeinsam für Toleranz zu engagieren und einen offenen Dialog zu leben?

Yazid hatte den damaligen Oberbürgermeister Hannovers und heutigen Ministerpräsidenten, Stephan Weil, angesprochen und auf seinen Wunsch aufmerksam gemacht, doch einmal Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Hannover kennenzulernen. Wir hatten uns daraufhin im Amtszimmer des Oberbürgermeisters getroffen und gemeinsam überlegt, ob wir eine Chance sehen, dieses Gespräch fortzusetzen. Auch die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover war mit dabei, sie aber zeigte wenig Interesse, Begegnungen mit Palästinensern schienen ihr suspekt. Zwischen uns war jedoch sofort ein „Funke geflogen“ und diesen wollten wir am Leben erhalten. Wir legten zunächst ein Gespräch zwischen den Vorständen der Jüdischen und Palästinensischen Gemeinde Hannover fest. Eine vorsichtige, aber keineswegs scheue erste Begegnung. Unterschiedliche Auffassungen waren vorprogrammiert, unsere Zielsetzung war es dennoch, dem anderen zuzuhören, ihm sein Gefühl als ernsthaft abzunehmen und nicht als Unsinn oder Übertriebenheit abzutun und lebhafte Diskussionen zu ermöglichen, ohne den anderen zu beleidigen. Die Beziehung zwischen Juden – auch wenn sie keine Israelis sind – und Palästinensern, die Christen oder Muslime sind, bedeutet die Gefühle des anderen im Sinne der Lessing´schen Ringparabel zu akzeptieren. Dies soll nicht heißen, seine eigene Meinung unterzuordnen.

An welchen Aktivitäten haben Sie zum Beispiel gemeinsam teilgenommen und welche Aktionen durchgeführt?

Dr. Yazid Shammout und Michael Fürst engagieren sich seit vielen Jahren gemeinsam gegen Rassismus (Foto: DANA Senioreneinrichtungen GmbH)Dr. Yazid Shammout und Michael Fürst engagieren sich seit vielen Jahren gemeinsam gegen Rassismus (Foto: DANA Senioreneinrichtungen GmbH)
Bei unserem ersten Treffen in der Jüdischen Gemeinde hatten wir vereinbart, Menschen „jeder Seite“ Geschichten aus ihrem Leben erzählen zu lassen: Aus der Jüdischen Gemeinde berichteten Mitglieder, die das KZ Bergen-Belsen und Ausschwitz überlebt hatten und andere, die als Kontingentflüchtlinge aus Russland und der Ukraine gekommen waren. Aus der Palästinensischen Gemeinde schilderten Palästinenser Erlebtes, die entweder selbst oder deren Eltern 1948 in Israel gelebt hatten und bei der Gründung des Israelischen Staates das Land, ihr Land, verlassen mussten oder vertrieben wurden. Es waren Stunden des ergriffenen Zuhörens, voller beeindruckender Lebensgeschichten, authentischer Erzählungen – nicht durch irgendwelche Medien gefiltert – höchstpersönlicher Erlebnisse, die nicht immer leicht zu ertragen waren. Jeder hörte dem anderen zu ohne Widerrede. Die einzelnen Geschichten wurden nicht in Frage gestellt.
Bekannt wurde unser Bündnis im Jahr 2009, als „Rechte“, Neonazis, NPD, Republikaner und ihre Gefolgsleute eine Kundgebung am 1. Mai bei uns in Hannover auf dem Klagesmarkt angemeldet hatten, wo seit Jahrzehnten eigentlich eine Kundgebung der Gewerkschaften stattfindet. Das wollten wir nicht hinnehmen. Unter dem Motto „Bunt statt Braun!" demonstrierten Juden, Muslime und Christen, Deutsche, Israelis und Palästinenser gemeinsam nebeneinander, friedlich gegen den Feind von rechts. Israelische Fahnen mit dem Davidstern neben palästinensischen, hinter uns der Oberbürgermeister, der Ministerpräsident und eine große Zahl der Stadtgesellschaft. Nicht: Dein Feind ist mein Freund, sondern: Dein Feind ist auch mein Feind!
Danach gab es eine Vielzahl weiterer Aktionen. Diese reichen vom gemeinsamen Rudern für Toleranz auf dem Maschsee im Rahmen der alljährlichen Aktion "Wir sitzen alle in einem Boot" bis hin zu Bücherlesungen israelischer Autoren und mehreren Treffen zwischen den einzelnen Mitgliedern. Wir galten als das Vorzeige-Zwillingspärchen der Niedersächsischen Ministerpräsidenten, haben diese nach Israel und Palästina zu politischen Gesprächen begleitet und waren gemeinsam auf politischen Veranstaltungen. Für unser Engagement erhielten wir den Sonderpreis des Niedersächsischen Ministerpräsidenten zum Niedersächsischen Integrationspreis 2016.

Was sind die Reaktionen auf Ihren Austausch in den eigenen Reihen. Gibt es Ressentiments?

Bedenkenträger gibt es überall. Die Liberale Jüdische Gemeinde ist dafür das beste Beispiel. Man muss Mut und Stärke haben, um bei Gegenwind nicht das Ruder fahren zu lassen. Toleranz kommt nicht von allein, aber unsere Gemeinden machen aktiv mit. Das ist das Wesentliche. Die niedersächsische Politik steht mit allen demokratischen Parteien hinter uns und wir sind „gelebtes Beispiel“ für Toleranz. Natürlich muss man auch seine eigenen Mitglieder immer wieder überzeugen und motivieren, sonst gibt es Stillstand, den wir nicht wollen.

Die Konflikte im Nahen Osten werfen immer wieder Schatten auf ein friedliches Gespräch zwischen Palästinensern und Juden, auch in Deutschland. Was ist zentral für einen Dialog, in dem die politischen Differenzen so groß sind und die einzelnen Positionen als unvereinbar gelten?

Wir sind nicht die Vertreter Israels oder Palästinas. Politische Differenzen zwischen Israel und Palästina bedeuten nicht zwingend Differenzen zwischen den Menschen. Politik wird häufig auf dem Rücken der Menschen ausgetragen und nicht immer zu ihrem Wohle. Wir aber haben einen Grundkonsens über die Ehrlichkeit, wie wir miteinander umgehen. Das bedeutet vor allem dem anderen zuzuhören, ihn nicht zu unterbrechen und versuchen zu verstehen, dass er historische Tatsachen anders bewertet. Wir bemühen uns, die Würde des anderen nicht zu verletzen.

Was könnten Herausforderungen innerhalb eines jüdischen-palästinensischen Dialogs in der nahen Zukunft sein?

BfDT-Botschafter 2017 Dr. Yazid Shammout (links) und ein Kollege Michael Fürsts (rechts), der an der Preisverleihung selbst leider nicht vor Ort sein konnte (Foto: André Wagenzick/ BfDT)BfDT-Botschafter 2017 Dr. Yazid Shammout (links) und ein Kollege Michael Fürsts (rechts), der an der Preisverleihung selbst leider nicht vor Ort sein konnte (Foto: André Wagenzick/ BfDT)
Die Herausforderungen werden sicherlich zunehmen. Die Einigung zwischen der Fatah und der Hamas wird eine Veränderung in der politischen Landschaft in Israel und in Palästina mit sich bringen. Politische Veränderungen bedeuten auch für uns, dass wir uns darauf einzustellen haben und uns überlegen müssen, wie wir mit diesen Veränderungen umgehen und sie bewerten. Führen diese zu einem Friedensvertrag, auch wenn das nicht von heute auf morgen möglich sein wird? Schaffen es Israel und Palästina alleine oder brauchen sie ehrliche Mediatoren, also Personen oder Staaten, denen beide Länder ihr Vertrauen schenken?
Wenn wir beide wüssten, wie man den Konflikt lösen kann, würden wir den Friedensnobelpreis dafür erhalten. Was wir wissen ist: Konfliktlösung heißt, dass jeder von seiner Position abrücken muss. Bei einem guten Vergleich, der dem anderen seine Würde und sein Gesicht lässt, wird keiner seine Maximalposition halten können. Das wird beiden „wehtun“. Der derzeitige Status Quo kann keine Dauerlösung sein. Aber es gilt, ihn aufrechtzuerhalten, ohne eine neue Intifada, ohne Aggressionen von beiden Seiten, ohne militärische Gewaltmaßnahmen, um geordnet zu baldigen Friedensverhandlungen zu kommen.

Für ihr herausragendes zivilgesellschaftliches Engagement hat das Bündnis für Demokratie und Toleranz – gegen Extremismus und Gewalt (BfDT) Dr. Yazid Shammout und Michael Fürst am 23. Mai 2017 beim Festakt zur Feier des Tages des Grundgesetzes als Botschafter für Demokratie und Toleranz 2017 ausgezeichnet.

Möchten Sie noch mehr erfahren? Interner LinkHier geht es zum Videoporträt.


 

Informiert bleiben

Facebook
YouTube

Veranstaltungen

Würzburg | 21.11.2017, von 18:00 bis 19:30 / 22.11.2017, von 09:00 bis 16:30
Tutzing | 22.11.2017, 09:30 bis 23.11.2017, 12:30

Logo BPB
Seit 2011 ist die Geschäftsstelle des BfDT Teil der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb